Vorstellungen von sozialer Respektabilität und (Selbst-)Stigmatisierung bei Familien im SGB-II-Bezug : Ergebnisse einer kritischen Diskursanalyse von Alltagsdiskursen betroffener Familien

Notions of social respectability and (self-)stigmatization in families receiving unemployment benefit (ALG II) : Results of a Critical Discourse Analysis of affected families’ everyday discourses

  • Soziale Ungleichheit, deren Reproduktion und daraus resultierende negative Folgen für Betroffene sind in Deutschland nach wie vor ein hoch aktuelles Problem. Die Leistungen der Politik hinsichtlich einer Abmilderung der Ungleichheit in Deutschland in den letzten Jahren sind indes als eher marginal zu bezeichnen. Im Gegenteil, denn das Empfinden, in einer „Abstiegsgesellschaft“ zu leben, wird für viele Menschen immer präsenter. Entsolidarisierung gegenüber den „Schwächsten“ der Gesellschaft ist eine der Folgen und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Forschung zum Thema soziale Ungleichheit ist damit relevanter denn je. Um der intergenerationalen Reproduktion sozialer Ungleichheit entgegenzuwirken, wären u.a. wissenschaftliche Erkenntnisse über alltäglich ablaufende Stigmatisierungsprozesse und ihnen zugrundeliegende Vorstellungen von sozialer Respektabilität von immenser Bedeutung. Ziel dieser Analyse war es deshalb, Erkenntnisse darüber zu erlangen, welche Vorstellungen von gesellschaftlicher Achtbarkeit arme Familien konstruieren. Die Grundlage dafür bildet Datenmaterial aus dem Projekt „Lebenszusammenhänge in Mehrpersonenbedarfsgemeinschaften“ (FAL€HA) der Hochschule Fulda und der Universität Augsburg. Die Untersuchung basiert auf der Analyse biographischer Paarinterviews, die mit Familien im SGB-IIBezug geführt wurden. Da davon ausgegangen wird, dass sozial konstruierte Vorstellungen wie solche von gesellschaftlicher Respektabilität am ehesten durch empirisch-rekonstruktive Methoden eruiert werden können, wurde hierzu die Kritische Diskursanalyse nach Siegfried Jäger (2015) in Kombination mit der Objektiven Hermeneutik (Oevermann et al. 1979) angewandt. So konnten die Prozesse alltäglicher Stigmatisierung in und von armen Familien sowie die ihnen zugrundeliegenden Respektabilitätsvorstellungen untersucht werden. Die Analysen ergaben, dass es armen Familien in unserer Gesellschaft nur teilweise gelingen kann, Alternativen zu gesellschaftlich dominanten Respektabilitätsvorstellungen zu konstruieren. Besonders dem diskursiv und institutionell verankerten Leistungsprinzip bleiben sie offenbar stärker verhaftet, als ihnen in der öffentlichen Debatte zugeschrieben wird. In alltäglichen Diskursen sehen sie sich einer Übermacht gegenüber und werden mit ihren eigenen Diskurs- und Handlungspositionen kaum gehört. Aus der Sicht der vorgelegten empirischen Analysen ist die in Deutschland vorherrschende Leistungsmethaphorik als kritisch zu bewerten, da sie soziale Ungleichheit legitimiert und/oder entpolitisiert und sowohl die Diskriminierung armer Familien als auch gesamtgesellschaftliche Entsolidarisierungstendenzen stark begünstigt. Politische Strategien sollten sich um alternative Deutungen zu diesem hegemonialen Leistungsgedanken bemühen und sozialpolitische Maßnahmen zur Armutsbekämpfung danach ausrichten.
  • Social inequality, its reproduction and related negative consequences for affected persons are still a current problem in Germany. Achievements of politics regarding a migation of social inequality in Germany appear marginal during the last years. On the contrary, fears of social decline are growing. A dilution of solidarity with the “weakest” in society is one of the results and threatens social cohesion. Thus, research into social inequality, today is more relevant than ever before. To counteract intergenerational reproduction of social inequalities, findings about everyday stigmatization processes and about underlying concepts of social respectability would be of crucial importance. Therefore, this work aims to gain findings about perceptions of social respectability constructed in impoverished families. Data from the project “Lebenszusammenhänge in Mehrpersonenbedarfsgemeinschaften” (FAL€HA) of the University of Applied Sciences Fulda and the University Augsburg are the basis of this paper. This scientific work is based on an analysis of biographical interviews which were conducted with families, which draw benefits in accordance with SGB II. Since it is assumed that collectively shared conceptions can be explored best by empirical reconstructive research methods, for this purpose, the Critical Discourse Analysis by Siegfried Jäger (2015) in conjunction with the Objective Hermeneutics (Oevermann et al. 1979) was applied. Thus, everyday stigmatization processes in and of impoverished families as well as underlying concepts of social respectability shall be investigated. This analysis concluded that poor families are only partially able to construct alternatives to socially dominant perceptions of social respectability. Especially, they seem to be under particularly strong influence by the socially dominant performance principle. In everyday discourses, they are confronted with a superiority and are hardly given a hearing regarding their positions and discourse positions. From the point of view of empirical analysis presented in this paper, the dominant performance principle must be viewed critically, as it individualizes or depoliticizes social inequality and facilitates both discrimination against poor families and tendencies of eroding solidarity in society. Political strategies should endeavor to develop alternative constructions to the performance principle and adjust social policy measures to combat poverty to them.

Download full text files

Export metadata

Metadaten
Author:Nina Welsch
URN:urn:nbn:de:hebis:66-opus4-6963
Series (Serial Number):pg-papers : Diskussionspapiere aus dem Fachbereich Pflege und Gesundheit (2017,3)
Document Type:Report
Language:German
Date of Publication (online):2017/11/13
Date of first Publication:2017/11/15
Publishing Institution:Hochschule Fulda
Release Date:2017/11/15
Tag:Armut; Familien; Stigmatisierung; soziale Mobilität
poverty of families
Pagenumber:40
Institutes:Pflege und Gesundheit
Licence (German):License LogoEinfaches Nutzungsrecht

$Rev: 13159 $